Hauptinhalt

Rede von Ministerpräsident Tillich zum Festakt

Rede von Ministerpräsident Stanislaw Tillich am 3. Oktober beim Festakt in der Semperoper

– Es gilt das gesprochene Wort –

Anreden

Besonders herzlich begrüße ich, stellvertretend für unsere Gäste aus aller Welt, den Vize-Minister für Wiedervereinigung der Republik Korea.

Ich stand im März an der Demarkationslinie, die Korea seit 70 Jahren teilt. Aber weder vier noch sieben Jahrzehnte der Teilung können den Traum von Einheit zerstören. Die Realität ist schwierig – ich wünsche Ihnen dennoch, dass auch Korea in naher Zukunft die Wiedervereinigung feiern kann.

26 Jahre vereintes Vaterland.

Die erste Generation der Nachwende-Kinder ist erwachsen geworden.

Erste Enkel der Einheit wurden geboren.

Im Alltag der Menschen gab es gute und schlechte Zeiten.

In diesem Auf und Ab des Lebens in den vergangenen 26 Jahren sind wir Deutschen wieder zu einer Nation zusammengewachsen.

Bleiern war die Endzeit der DDR, stürmisch der demokratische Aufbruch.

Auch heute sind wir dankbar für den Mut derer, die 1989 gerade auch in Sachsen den Stein ins Rollen brachten.

Sie hatten allen Grund zu rufen: »Wir sind das Volk«.

Denn ihnen stand eine Diktatur mit einem Unterdrückungsapparat gegenüber.

Die Polizei schüchterte die Demonstranten ein, verhaftete sie.

Heute schützt die Polizei das Recht auf Demonstrationsfreiheit.

Heute ist der Satz: »Das wird man ja wohl mal sagen dürfen« – unangebracht.

Wir haben das Recht und die Freiheit, zu denken und zu sagen, was wir wollen.

Mit der Freiheit geht aber auch die Verantwortung einher, mit Worten keine Grenzen zu überschreiten, keine Menschen und Gesetze zu verletzen.

Beschämt erleben wir, dass Worte die Lunte legen können: Für Hass und Gewalt.

Wer so spricht, wer so handelt – der soll gerade an unserem Nationalfeiertag wissen: Das ist menschenverachtend und unpatriotisch.

Dem stellen wir uns entschieden entgegen!

1990 wurde aus Unrecht – Recht, aus Enge wurde Freiheit.

Wir wissen um das Glück der Geschichte. Und um die Gunst der Stunde von 1990.

Die Regierung der DDR von Lothar de Maiziere und die Bundesregierung von Helmut Kohl nutzten sie.

Die Volkskammer stimmte dem Beitritt mit großer Mehrheit zu.

Ich gehörte dieser einzigen frei gewählten Volkskammer an.

Heute ist es für mich eine besondere Freude und Ehre, Sie alle im Freistaat Sachsen begrüßen zu dürfen.

Sachsen darf zum zweiten Mal Gastgeber an unserem Nationalfeiertag sein.

Seit dem Jahr 2000 hat sich in unserem Freistaat und in Deutschland vieles verändert – zum Guten.

Deutschland ist heute die starke Mitte eines geeinten Kontinents.

Sachsens Zusammenarbeit mit unseren Freunden in Polen und der Tschechischen Republik ist seit deren EU-Beitritt intensiver und erfolgreicher geworden.

Die offenen Grenzen in Europa sind gut für Sachsen.

Das spürt auch der Tourismus: Heute kommen über 2,2 Millionen Gäste im Jahr mehr in den Freistaat als im Jahr 2000.

Die sächsische Wirtschaft ist getrieben von einem stetig wachsenden Export.

Er ist heute dreimal so hoch wie vor 16 Jahren.

Die Arbeitslosigkeit ist mehr als halbiert und in den vergangenen Jahren wurden an jedem Arbeitstag 80 neue Arbeitsplätze in Sachsen geschaffen.

Die deutsche Forschungslandschaft ist zu einem Magneten für Wissenschaftler aus aller Welt geworden.

Internationale Spitzenforscher haben dazu beigetragen, dass die TU Dresden zu den deutschen Exzellenz-Universitäten gehört.

Über 1.000 internationale Wissenschaftler arbeiten in Sachsen – sie und noch viele weitere sind uns herzlich willkommen.

Sachsen ist wieder ein Zuzugsland.

Dresden und Leipzig wachsen rasant und wechseln sich beim Titel Geburtenhauptstadt ab.

Jeden Tag werden im Freistaat 10 Kinder mehr geboren als noch im Jahr 2000.

In Sachsen sind heute über eine Million Menschen im Ehrenamt und in Vereinen aktiv.

Sie sind Teil der übergroßen Mehrheit, die auch in Sachsen Flüchtlinge willkommen heißt und ihnen hilft.

Auf sie baue ich, wenn wir als wehrhafte Demokratie mit mehr politischer Bildung und gestärkter Polizei und Justiz die Radikalisierung bekämpfen und auch das Miteinander und die Menschenfreundlichkeit stärken.

Ein Blick in die Länder Ost- und Mitteleuropas macht deutlich, wie herausfordernd für das Land und wie anstrengend für die Menschen gesellschaftliche Umbrüche sind.

Und er macht deutlich, wie sehr uns in den Neuen Ländern die innerdeutsche Solidarität und die europäische Förderung geholfen haben. Dafür sagen wir immer wieder: Danke.

Aber wir sagen auch: Bitte.

Auf die nach wie vor bestehenden ostdeutschen Besonderheiten müssen wir reagieren.

Nach dem Aufbau müssen wir jetzt aufholen.

Nicht nur bei den Finanzbeziehungen und der Wirtschaftskraft – und damit dem Einkommen und Vermögen der Bürger – ist die Einheit noch zu gestalten.

Auch in den Köpfen müssen wir hin und wieder noch Brücken zwischen Ost und West bauen.

Die Einheit Deutschlands ist weit, sehr weit vorangekommen – ganz vollendet ist sie nicht.

Wir haben die Ringparabel gehört, die dem Gedanken, dass Vielfalt gut ist, auf wunderbare Weise Ausdruck gibt.

Wir erleben derzeit allerdings, dass nicht wenige Landsleute davon entweder nichts wissen oder nichts wissen wollen.

Es gibt Fremdenfeindlichkeit nicht nur bei Radikalen und Rechtsextremisten, deren rassistisches Weltbild auf Ausgrenzung beruht.

Es gibt Linksextremisten, die unseren demokratischen Staat und seine Vertreter ablehnen, ja, sie angreifen.

Es gibt die islamistischen Extremisten, die ebenfalls Hass predigen und unsere Demokratie ablehnen.

Das fordert uns, die starke Mehrheit, die demokratisch, engagiert und weltoffen ist, heraus.

Wir alle müssen dafür sorgen, dass die gefährliche Saat, auch die des Populismus, nicht aufgeht.

Populisten werden reich durch die Ängste anderer. Dem sollten wir eine neue Freude auf die Zukunft entgegensetzen!

Wir haben allen Grund dazu.

Deutschland steht gut da.

Den Menschen in unserem Land geht es gut und besser als im Jahr 2000.

Und doch: Obwohl es uns im Heute so gut geht wie noch nie, haben viele Sorgen vor dem Morgen.

Bei Dietrich Bonhoeffer heißt es: »Erwarten wir getrost, was kommen mag.« Diese Zuversicht teilen viele derzeit nicht.

Dass gerade Menschen in den ostdeutschen Ländern nach den Jahren der Transformation schneller verunsichert sind, ist verständlich. Ihr persönliches Sicherheitsnetz ist wegen langer Arbeitslosigkeit und geringerer Einkommen nicht eng gestrickt.

Trotzdem: Wann, wenn nicht jetzt, und wer, wenn nicht wir, sollte voller Zuversicht auf das schauen, was kommen wird.

Die tiefen Einschnitte nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der friedlichen Revolution hat unser Land bewältigt und gemeistert.

Und gerade wir haben in unserer Epoche des Friedens und Wohlstands alle Kraft und Mittel, eine gute Zukunft zu gestalten.

Die großen Aufgaben treffen uns in einer Zeit der Stärke.

Und die Entwicklungen erschüttern unser Land nicht in seinen Grundfesten.

Sie bieten mehr Chancen als Risiken.

Eine globalisierte Wirtschaft, weitere aber gesteuerte Migration, Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel – diese Zukunftsthemen müssen wir diskutieren und gestalten.

Dafür wünsche ich mir, dass wir aufeinander zugehen und gemeinsam anpacken.

Bauen wir Brücken, wo Gräben entstanden sind.

Die Verantwortung für Deutschland liegt nicht in der Hand des Anderen, oder nur in der Hand der Politik.

Sie liegt in unser aller Hände.

Ich setze auf Millionen engagierter Menschen in Sachsen und Deutschland: Kümmern wir uns um unsere Demokratie!

Verteidigen wir Religionsfreiheit und Vielfalt.

Stärken wir den sozialen Frieden!

Schauen wir hin, wenn wir in der Welt helfen können.

Und tun wir vereint alles dafür, dass Sachsen, Deutschland und Europa eine gute Heimat für uns alle bleibt..

zurück zum Seitenanfang